Heute mal über Locker Room Talk

Der Wahlkampf in den USA hat Formen angenommen, bei denen man sich verwundert die Augen reibt - oder angeekelt abwendet. Der so genannte »locker room talk« ist ein Auswuchs dieser Schlammschlacht. Rasch von deutschen Medien als »Umkleide-Gerede« bezeichnet, erhielt die deutsche Sprache ein neues Wort. Aber ist das nötig? Gibt es nicht einen bereits vorhandenen deutschen Begriff, der widerspiegelt, was Donald Trump mit »locker room talk« leichtfertig abtat?

Lokalisierung heißt das Konzept, das Übersetzer bei allem, was sie übersetzen, immer im Hinterkopf behalten müssen. Also die Frage: Kommt dieser Begriff, dieses Bild, dieses Sprichwort bei der Zielgruppe so an, dass sie es sofort in ihre Kultur einordnen kann? Bei der Lokalisierung werden Inhalte an die sprachlichen und kulturellen Gegebenheiten im Land der Zielsprache angepasst. Ein aktuelles Beispiel: Beim Übersetzen von Weihnachtstexten muss man wissen und beachten (und entsprechend umformulieren), dass in den USA nicht das Christkind die Geschenke bringt und auch nicht am Heiligabend. Es ist Santa Claus, der in der Nacht von Heiligabend (»Christmas Eve«) auf den ersten Feiertag durch den Kamin kommt, so dass die Bescherung erst am »Christmas Day« morgens stattfindet.

Aber zurück zum »locker room talk«. Journalisten sind keine Übersetzer und haben daher rasch mal zu einer wortwörtlichen, aber in meinen Augen ziemlich holprigen Übersetzung gegriffen: »Umkleide-Gerede«.

Ohne Zweifel: ein »locker room« ist ein Raum mit Spinden (»locker«), in dem sich Leute umziehen: vor und nach der Arbeit, vor und nach dem Sport. Diese Räume sind nach Geschlechtern getrennt, so dass – wie in diesem Fall – Männer ganz unter sich sein können. Aber bringt man in Deutschland automatisch ein solches Gerede, wie es von Donald Trump im Kreise von Männern in dem besagten Video zu hören ist, mit den Umkleideräumen in Tennis- und Golfclubs oder in Schwimmbädern in Verbindung? Gibt es nicht in Deutschland eine ganz andere Kultur, bei der man sich eher vorstellen kann, dass solche Gespräche stattfinden? Vielleicht den Stammtisch?

Stammtische sind in den USA längst nicht so bekannt wie in unseren Gefilden. Es gibt sie zwar auch, diese informellen Zusammenkünfte, aber die Stammtischkultur ist bei uns viel weiter verbreitet und schlägt sich auch in unserer Sprache nieder: »Stammtischniveau« und »Stammtischparolen«. Diese Worte beschreiben sehr schön, was sich an Stammtischen abspielen kann: Eine Gruppe Menschen, die miteinander sehr vertraut ist (»Stammtischbrüder«), redet über Gott und die Welt und das nicht unbedingt auf hohem intellektuellen Niveau. Man kann sich durchaus vorstellen, dass dabei auch Frauen ein Thema sind. Daher wäre meines Erachtens eine passendere Übersetzung von »locker room talk« das »Stammtischgerede« gewesen. Ein Wort, das es bereits in unserer Sprache gibt und das im wesentlichen das beschreibt, was mit »locker room talk« gemeint ist. Nämlich Gespräche, die manchmal unter die Gürtellinie gehen.

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