Von Krokussen und Audits

Endlich ist Frühlingsanfang. Die jetzt überall aus dem Boden schießenden Krokusse erinnern mich manchmal an die bunte Vielfalt der Audits, die ein Lebensmittelunternehmen bestehen muss, will es sich erfolgreich am internationalen Markt positionieren. Es sind nicht mehr länger nur allgemein anerkannte Auditsysteme wie DIN ISO, IFS und BRC, nach denen man zertifiziert sein muss. Nein, viele große Unternehmen insbesondere Supermarktketten und Systemgastronomen fordern von ihren Zulieferern die Erfüllung umfangreicher Anforderungskataloge, die dann in einem eigenen Auditverfahren zertifiziert werden.

Ein britisches Unternehmen hat seine Anforderungen in einem sage und schreibe gut 200 Seiten dicken Katalog aufgelistet. Übrigens, dieses Dokument wird nicht etwa auf deutsch zur Verfügung gestellt, nein, man erwartet vom potentiellen Lieferanten, dass er sich durch sehr spezielles britisches Fachenglisch quält oder eben den Katalog auf eigene Kosten übersetzen lässt. Und sich dann trotzdem fragt, wie man denn bitteschön defekte Beleuchtungskörper austauschen soll, ohne die entsprechenden Bereiche betreten zu dürfen. Oder warum man unbedingt angeben muss, wer welche Reinigung durchgeführt hat, aber das Wann keine Rolle spielt. Oder warum im umfangreichen Glossar etwa ein Drittel der Begriffe auf den vorangegangenen 200 Seiten nicht auftaucht oder schlicht falsch definiert ist.

Der Anforderungskatalog eines amerikanischen Unternehmens hingegen wird zwar freundlicherweise in einer autorisierten deutschen Übersetzung zur Verfügung gestellt, aber was nützt diese, wenn sie kryptisch daher kommt? Beispielsweise soll in einem Punkt die »Produktwiedererlangung« überprüft werden. »Wiedererlangen« bedeutet, etwas wiederzubekommen, das verlorengegangen ist, oder etwas in einen normalen Zustand zurückzubringen. Was hat das alles mit der Herstellung und Lieferung von - sagen wir mal - Bier, Fisch oder Joghurt zu tun? Ganz einfach, es handelt sich hier um eine Fehlübersetzung des Begriffs »product recovery«.

»Product recovery« und »product recall« sind zwei wichtige Termini aus der Qualitätssicherung. Doch worin liegt der Unterschied? Sicher nicht im Wiederfinden eines verloren gegangenen Produktes. »Product recovery« beschreibt das Verfahren der Rücknahme - also die Rückholung von fehlerbehafteten Produkten, sofern sie sich noch im Einflussbereich des herstellenden Unternehmens befinden, also noch nicht an den Endverbraucher verkauft wurden. Erst wenn sie diesen Einflussbereich verlassen haben, also beim Käufer im Kühlschrank liegen, spricht man von »product recall«. Das entspricht dem deutschen »Rückruf«. Beide Verfahren sind in der EU-Richtlinie 2001/95 definiert. Wobei die EU die Rücknahme auf Englisch jedoch als »withdrawal from the market« bezeichnet und nicht als »product recovery«, was eher amerikanischer Sprachgebrauch ist.

Es ist meine Aufgabe als Übersetzerin, diese Feinheiten zu kennen, Ungereimtheiten zu entdecken und entsprechende sprachliche Hilfestellung zu liefern. Das macht meine Arbeit so spannend. Neben meiner Übersetzertätigkeit biete ich dazu jetzt auch Schulungen und Seminare in Fachenglisch für die Lebensmittelindustrie an.

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