Wortklau(b)ereien

Der Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg behauptet in seinem Buch »Das Fremdwort im Deutschen« (De Gruyter Verlag), Deutsch sei eine Nehmersprache, im Gegensatz zum Englischen, das eher eine Gebersprache sei. Das wollen wir doch mal sehen!

»Auch dekorierte Pralinen können sicher gehandelt werden.« Diese Überschrift in einer Fachzeitschrift ließ mich stutzen. Was hat ein sicherer Handel von Pralinen mit der Dekoration zu tun und warum ist im Artikel ein Roboter abgebildet? Nach kurzer Zeit fiel der Groschen oder auch »the penny dropped«.

Alles wäre sofort klar gewesen, hätte ich die Überschrift mit englischem Touch gelesen. Gehandelt ist in diesem Fall das Partizip des Verbs handeln (Aussprache: händeln), das aus dem Englischen kommt und es in der Bedeutung handhaben, gebrauchen in den Duden* geschafft hat, und zwar gleichberechtigt neben handeln (Aussprache: handeln) im Sinne von Handel treiben, etwas gewerblich verkaufen.

Aber so neu ist das Verb handeln im Sinne von Handling in der deutschen Sprache nicht. Bereits die Brüder Grimm, die sich im 19. Jahrhundert daran machten, deutsche Worte systematisch in einem Wörterbuch** zu sammeln, kannten es. Unter dem Stichwort handeln finden sich insgesamt 15 Bedeutungen, von denen gleich die erste lautet: »transitiv, mit den händen berühren, betasten: handlen, oft anrüren«, und in der Schweiz würde man das Streichen der Kuhzitzen vor dem Melken ebenfalls mit diesem Verb beschreiben. Handeln im Sinne von Handel treiben findet jedoch keine Erwähnung. Insofern steht die Überschrift in der Fachzeitschrift, die sich mit dem Umgang empfindlicher Pralinen befasst, durchaus in der Tradition der Brüder Grimm.

Nach dieser Erkenntnis bleibt aber die Frage: Hat nicht vielleicht die englische Sprache seinerzeit das Verb handeln von uns übernommen und nur in die Jetztzeit zurückgeschickt? Fehlanzeige. Laut Encyclopedia Britannica*** gab es das Verb » to handle« im Sinne von »to touch, to feel with hands, to use or hold with hand« bereits im Mittelenglischen und als Beweis wird eine Zeile aus der Bibel (Lukaskapitel) zitiert.

Also müssen wir in diesem Fall Peter Eisenberg zustimmen: Deutsch hat sich dieses Wort aus dem Englischen genommen. Oder um es mit den Brüdern Grimm zu sagen: »Fällt von ungefähr ein fremdes wort in den brunnen einer sprache, so wird es solange darin umgetrieben, bis es ihre farbe annimmt und seiner fremden art zum trotze wie ein heimisches aussieht.« Darum finden wir Begriffe wie Handling und Touch neben Download, Callcenter, Management, Networking und online jetzt auch im Duden.

* Der Duden steht seit kurzem auch online zur Verfügung: www.duden.de

** Das deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm besteht inzwischen aus 33 Bänden, in denen 350.000 Stichworte schlummern. Die Aktualisierung dieses Schatzes dauert noch an, aber schon jetzt kann man das DWB im Internet befragen http://woerterbuchnetz.de/DWB.

***http://www.encyclo.co.uk/webster/H/9

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